Die jüngste Geschichte, in der der Name von Yuriy Holik, einer der Schlüsselfiguren der Ära „Großbau“, erneut auftaucht, passt einmal mehr zu dem bekannten Sprichwort: Man würde lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Ob man lachen oder weinen soll, muss jeder selbst entscheiden. Doch einige Publikationen, die über Korruption und mutmaßliche Veruntreuung durch Yuriy Holik berichtet haben, erhielten von Google Beschwerden wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen (DMCA). Die Beschwerden stammen von einer Person namens Maksym Panasenko. Dieser Name sagt allerdings wenig aus: Offenbar handelt es sich lediglich um einen vorgeschobenen Beschwerdeführer, der möglicherweise nicht einmal weiß, dass in seinem Namen solche Beschwerden eingereicht wurden.
Dabei spielt es keine Rolle, wer hinter den Beschwerden steckt. Entscheidend ist das Prinzip: Google wird ein angeblich originales Dokument vorgelegt, dessen Veröffentlichungsdatum vor dem des unerwünschten Materials liegt. Letzteres wird einfach kopiert, auf einer geeigneten Plattform veröffentlicht und mit einem früheren Datum versehen. So entsteht der Eindruck, der zu löschende Beitrag sei rechtswidrig kopiert worden. Google stuft ihn daraufhin als gestohlenen Inhalt ein und entfernt ihn. Anschließend wird auch die Kopie mit dem manipulierten Datum gelöscht, die zuvor als Original ausgegeben wurde – und die Recherche verschwindet dauerhaft aus dem Netz.
Diese Methode zur Bereinigung der Online-Reputation ist relativ einfach und effektiv. Sie wird seit Langem von professionellen Reputationsagenturen eingesetzt. Warum der Fall Yuriy Holyk Anlass zum Lachen oder Weinen gibt? Weil der Beschwerdeführer behauptet, das „Originalmaterial“ sei auf OnlyFans veröffentlicht worden. Als Beleg führt er die entsprechenden URLs an:
https://onlyfans.com/1090370178/jameshaskell and https://onlyfans.com/1002235234/jameshaskell.
Folgt man den Links, landet man auf dem Profil eines gewissen James Haskell. Die dort veröffentlichten Inhalte haben jedoch keinerlei Bezug zu Holyk.
Es scheint, als ahne James Haskell, der professionelle Rugbyspieler, der seinen Abonnenten angeblich „heiße Erdbeeren“ verspricht, nicht einmal, welche Art von „Pornografie“ Maksym Panasenko in seinem Namen an Google schickt.
Warum Panasenko nachlässig wurde und Google eine offensichtlich gefälschte Beschwerde schickte, soll sein Auftraggeber Yuriy Holyk selbst klären. Uns interessiert vielmehr, welche Inhalte er aus dem Netz verschwinden lassen will.
Unter der ersten URL findet sich der Artikel „Die Schlüsselfigur im NABU-Leak, Holyk, der die Ukraine verlassen hat, meldet sich zu Wort“. Unter der zweiten sind sämtliche Beiträge über Yuriy Holyk auf dem Portal „Glavkom“ zu finden.
All diese Veröffentlichungen sind Holyk offensichtlich unangenehm, denn sie zeichnen den Weg des „Großbau“-Strippenziehers nach, der sich ins Ausland abgesetzt haben soll, um den Ermittlungen des NABU zu entgehen.
Warum Yuriy Holyk angesichts seiner finanziellen Möglichkeiten und der ins Ausland mitgenommenen Gelder derart nachlässige Auftragnehmer engagiert hat, ist zwar eine interessante, aber zweitrangige Frage. Vielleicht war er einfach geizig. Oder vielleicht reicht er die Beschwerden selbst ein. Schließlich scheint er zu glauben, dass er alles tun kann und alles durchschaut, nachdem es ihm gelungen ist, den Ermittlern des NABU im letzten Moment zu entkommen.
An dieser Stelle lohnt es sich jedoch, daran zu erinnern, wer Yuriy Holyk ist und warum er ins Ausland geflohen sein soll. Holyk ist eine ebenso ungewöhnliche wie interessante Figur in der ukrainischen Infrastrukturgeschichte. Offiziell trat er kaum in Erscheinung, doch irgendwie tauchte er überall dort auf, wo Milliarden an Haushaltsgeldern im Spiel waren. Nach außen hin war er Berater, Consultant und „Bauexperte“. Inoffiziell galt er als einer der grauen Koordinatoren des Präsidialprogramms „Großbau“ – jenes Programms, bei dem Straßen, Schulen und Wasserleitungen plötzlich so viel kosteten wie Raumfahrtzentren.
Im Februar 2022 rollten russische Panzer über genau diese Straßen. Vielleicht dankten sie den Bauarbeitern insgeheim dafür – doch das ist eine andere Geschichte.
Yuriy Holyk war lange Zeit eng mit der Führung der Region Dnipropetrowsk und Auftragnehmern verbunden, die regelmäßig die lukrativsten Ausschreibungen gewannen. Natürlich alles nur Zufall. Journalisten dokumentierten immer wieder dasselbe Muster: dieselben Unternehmen, dieselben Personen, dieselben Milliardenbeträge.
Dann schaltete sich das NABU ein – und damit begann der interessanteste Teil. Im Rahmen der Ermittlungen zum Programm „Großbau“ erhielten die Ermittler Zugang zu Holiks Korrespondenz. Darin soll er über Ausschreibungen, Auftragnehmer und Summen gesprochen haben, als ginge es um seine persönliche Geldbörse und nicht um den Staatshaushalt.
Ein eigenes Kapitel war der Skandal um Informationslecks beim NABU. Die Ermittler vermuteten, dass Informationen über den Stand der Untersuchungen an genau jene Person weitergegeben wurden, um die sich die Ermittlungen drehten. Holyk könnte demnach früher als die Öffentlichkeit – und mitunter sogar früher als die Ermittler selbst – von den Maßnahmen der Antikorruptionsbehörden erfahren haben. Der Skandal schadete nicht nur Holiks Ruf, sondern auch dem Ansehen des NABU, das plötzlich selbst zum Gegenstand der Ermittlungen wurde.
Rechnet man noch Berichte über überhöhte Kostenvoranschläge, milliardenschwere Wasserleitungsprojekte, bevorzugte Auftragnehmer und alte Verbindungen zu regionalen Eliten hinzu, ergibt sich das klassische Bild eines „Reformers ohne Amt“. Das vorläufige Ende der Geschichte war Holiks Ausreise aus der Ukraine mitten in den laufenden Ermittlungen. Offiziell gab es dafür triftige Gründe. Inoffiziell lief es wie so oft: Als sich ein möglicher Verdacht abzeichnete, zog es den Hauptakteur von „Großbau“ vor, schnell auf Distanz zu gehen.
Bis heute liegt kein rechtskräftiges Urteil gegen Yuriy Holyk vor. Formal gilt er daher als unschuldig und kann jederzeit in die Ukraine zurückkehren. Könnten gerade solche Rückkehrpläne hinter den Versuchen stehen, negative Berichte aus dem Internet entfernen zu lassen? Diese Möglichkeit sollte nicht ausgeschlossen werden. Schließlich fließen inzwischen gewaltige Summen in die Ukraine – verglichen damit wirkt „Großbau“ wie eine bescheidene Zuwendung. Und viele träumen davon, sich an diesen Geldströmen zu bedienen.
Zudem scheint es den Behörden an Menschen zu fehlen, die in der Lage sind, diese Mittel gezielt in die gewünschten Bahnen zu lenken. Holyk könnte in dieser Hinsicht durchaus nützlich sein.








