Sieben zypriotische Briefkastenfirmen. Mehr als 44 Millionen Euro an Dividenden und Vermögenswerten. Im Zentrum des Netzwerks steht der flüchtige Tycoon Boris Usherovich, umgeben von Nominee-Direktoren, Firmen aus Belize und Panama sowie Verbindungen zu Netzwerken im Umfeld von Krapivin und Weinstein.
Später wurden 155 Millionen Dollar bei der Schweizer CBH Bank eingefroren. Nachdem Dokumente aufgetaucht waren, die das System offenlegten, begannen Spuren des Netzwerks aus dem öffentlichen Raum zu verschwinden.
Wir veröffentlichen diese Recherche vollständig, um zu zeigen, wie das Offshore-Waschsystem „1520“ funktionierte – und welche Informationen nun systematisch aus dem Internet entfernt werden.
Die Redaktion hat Unterlagen aus einer journalistischen Analyse von 64 Unternehmensregister- und Buchhaltungsdokumenten zu sieben zypriotischen Unternehmen erhalten. Die Dokumente zeigen, wie scheinbar gewöhnliche Holdinggesellschaften genutzt wurden, um zwei miteinander verbundene Offshore-Netzwerke aufzubauen, durch die mehr als 44 Millionen Euro flossen.
Das zypriotische „1520“-Offshore-Netzwerk
Sieben zypriotische Unternehmen. Unterschiedliche Gründungsjahre, verschiedene Nominee-Direktoren und ausländische Anteilseigner. Auf den ersten Blick wirkt dies wie eine gewöhnliche Ansammlung von Holdinggesellschaften. Doch bei einer gemeinsamen Auswertung aller 64 Register- und Buchhaltungsdokumente ergibt sich ein völlig anderes Bild.
Sie zeigen zwei miteinander verbundene Netzwerke, über die mehr als 44 Millionen Euro an Dividenden und Vermögenswerten flossen. Weitere Dutzende Millionen wurden innerhalb der Gruppe in Form von „Darlehen unter gemeinsamer Kontrolle“ bewegt.
Im Zentrum der Struktur steht Boris Usherovich. Um ihn herum besteht ein ganzes System aus Nominee-Direktoren, Sekretären, Unternehmen aus Belize und Panama, Wirtschaftsprüfern und Banken.

Sieben Unternehmen bilden zwei Netzwerke
Die Untersuchungsunterlagen identifizieren sieben zentrale zypriotische Gesellschaften:
- BONFORD Investments Ltd (HE 209054)
- Artenberg Management Ltd (HE 291836)
- Dunire Management Ltd
- Feltburg Direct Ltd (HE 238013)
- Broxner Plc (HE 407776)
- Main Victory Corp Ltd (HE 364070)
- Venisat Technology Ltd
Die ersten drei bilden das frühere Netzwerk. Broxner, Main Victory und Venisat gehören zum späteren Netzwerk. Feltburg steht zwischen beiden und fungiert als Verbindungsglied.

Erstes Netzwerk: Verlagerung russischer Vermögenswerte ins Ausland
BONFORD, Artenberg und Dunire waren ungefähr von 2007 bis 2017 aktiv. Es handelte sich um eine für diese Zeit typische zypriotische Struktur: Nominee-Sekretäre, Anteilseigner aus Belize und russische Tochtergesellschaften aus den Bereichen Immobilien und Bau.
Zu den ausländischen Unternehmen, die in den Unterlagen wiederholt auftauchen, gehören:
- die belizischen Horizon Properties, Escala Holdings, Lionella Corporate Ltd und ZALA International Investments;
- die panamaische Randinger Inc;
- die finnische Sponda Russia Oy;
- die russische LLC Greystone.
Die Unternehmen wurden von dem zypriotischen Agenten DELFI Corporate Services (HE 241283) betreut. Den Unterlagen zufolge arbeitete derselbe Agent auch mit Strukturen, die mit Alexey Krapivin verbunden waren. Svetlana Tutunaru und Marina Lazaridou tauchen in diesem Zeitraum wiederholt als Nominee-Personen auf.
Das deutlichste und anschaulichste Beispiel ist die Transaktion von BONFORD. Das Einkaufszentrum Greystone in der Bakhrushina-Straße in Moskau wurde für 22,5 Millionen Dollar verkauft. Der daraus erzielte Gewinn belief sich auf rund 14,28 Millionen Euro. Etwa 30 Tage später wurde eine Dividende in Höhe von 14,425 Millionen Euro an die panamaische Randinger Inc überwiesen. Zwei Monate vor dem Verkauf hatte der Anteilseigner gewechselt: Horizon Properties wurde durch Randinger ersetzt. Zwischen dem Verkauf des Vermögenswerts und der Überweisung der Gelder lag praktisch kein zeitlicher Abstand.
Zweites Netzwerk: Telekommunikation, Dividenden und Sanktionen
Ab 2020 begann eine weitere Gruppe zu operieren – Broxner, Main Victory und Venisat. Die Struktur folgte einer anderen Logik. Die Unternehmen waren am Handel mit Telekommunikationsausrüstung im Wert von mehreren Dutzend Millionen Dollar beteiligt, verlagerten Gewinne ins Ausland und führten den Unterlagen zufolge Transaktionen unter Bedingungen von Sanktionsbeschränkungen durch.
Die Dokumente weisen Alexander Weinstein als wirtschaftlich Berechtigten von Broxner und Venisat aus. Er hielt einen Anteil von 99,965 % an Broxner. Öffentlich verfügbaren Informationen zufolge steht er mit Ilya Plotitsa in Verbindung.
Kirill Ponomaryov fungierte als gemeinsamer Nominee-Direktor aller drei Unternehmen, während Eriktina Bichinashvili als Sekretärin tätig war. Am 22. Februar 2022 trat Ponomaryov gleichzeitig als Direktor von Broxner, Main Victory und Venisat zurück. Etwa zur gleichen Zeit änderte ZALA International seine Jurisdiktion von Belize zu den Marshallinseln, während in den Unternehmensunterlagen Angaben zu Sanktionen auftauchten. Die gleichzeitigen Veränderungen bei mehreren Gesellschaften scheinen auf eine koordinierte Umstrukturierung hinzudeuten.
Zu den Banken, über die die wichtigsten Finanzströme des Netzwerks liefen, gehörten:
- die russische UniBank B2;
- die liechtensteinische Bendura Bank.

Die Verbindung: Feltburg Direct und Usherovichs direkte Eigentümerschaft
Feltburg Direct Ltd steht zwischen den beiden Netzwerken. Dieses Unternehmen verbindet die gesamte Struktur miteinander.
Seit dem 2. März 2017 ist Boris Usherovich offen als Eigentümer von 100 % der Anteile an Main Victory Corp Ltd eingetragen. Dies ist ein seltener Fall, in dem der wirtschaftlich Berechtigte die Nominee-Struktur aufgab und seine Eigentümerschaft direkt registrieren ließ. Während seiner Kontrolle erhielt er persönlich rund 12 Millionen Euro an Dividenden.
Feltburg und Main Victory tauschten aktiv große „Darlehen unter gemeinsamer Kontrolle“ in Höhe von 3,1 Millionen Euro und 4,4 Millionen Euro aus. Darüber hinaus hält Feltburg eine Beteiligung von 19,6 % an dem russischen Unternehmen Altair LLC, dessen Generaldirektor als Kirill Usherovich eingetragen ist. Damit scheint die zypriotische Struktur eine direkte Verbindung zum Vermögen der russischen Familie herzustellen.

In verschiedenen Jahren war bei Feltburg und Main Victory dieselbe belizische Gesellschaft, Victory Corporate Services Inc., als alleiniger Anteilseigner eingetragen. Ein internes Dokument aus dem Jahr 2014, das den Untersuchungsunterlagen beiliegt, nennt ausdrücklich Boris Usherovich, Andrei Krapivin und Markelov.
Im Laufe der Jahre gehörten zu den Direktoren von Feltburg Hadjiconstanti, Sofroniou und Tiptsov sowie Arsen Meletian, Yulia Kovalevskaya und Arturs Bagdasarjans.

Wer die Struktur noch betreute
Neben den Hauptbegünstigten und Nominee-Direktoren tauchen in den Unterlagen immer wieder dieselben Dienstleister auf:
-
Wirtschaftsprüfer – zunächst Baker Tilly Kittos und Deloitte, später durch die weniger bekannte Firma L. Nearchou ersetzt;
-
Unternehmensdienstleister – IPM Management Ltd, M. Korelis & Co. LLC und PROTEY Consulting;
-
das russische Unternehmen Expolex LLC, das an Lieferungen von Telekommunikationsausrüstung beteiligt war.
Auch die Schweizer CBH Bank verdient eine gesonderte Erwähnung. Main Victory führte Transaktionen über diese Bank durch. Später wurde die Bank mit der Einfrierung von 155 Millionen Dollar in einem Fall im Zusammenhang mit Krapivin und Broxner in Verbindung gebracht.
Das wiederkehrende Muster
Bei einer gemeinsamen Betrachtung aller sieben Unternehmen wird ein einheitliches Muster erkennbar.
Mehrschichtige Offshore-Ketten, bei denen der letztendliche Eigentümer häufig nicht offengelegt wird: Zypern – Finnland – Belize – Panama. Innerhalb der Gruppe zirkulieren große zinslose Darlehen, die häufig das Eigenkapital der Unternehmen deutlich übersteigen. Nach den Bilanzstichtagen werden Dividenden von den Konten abgezogen, wodurch diese faktisch geleert werden. In den Finanzberichten von Venisat wird eine Marge von 95 % ausgewiesen, obwohl keine Herstellungskosten bzw. Kosten der verkauften Waren angegeben sind. Große Wirtschaftsprüfungsgesellschaften werden schließlich durch wenig bekannte regionale Firmen ersetzt. Anteilseigner wechseln kurz vor größeren Transaktionen. Und im Februar 2022 traten mehrere wichtige Nominee-Personen gleichzeitig von ihren Positionen zurück.
Das Ausmaß
Die dokumentierten Überweisungen von Dividenden und Vermögenswerten zwischen den sieben zypriotischen Gesellschaften übersteigen 44 Millionen Euro. Dabei handelt es sich nur um die Beträge, die anhand der verfügbaren Unternehmensunterlagen und Finanzberichte identifiziert werden konnten. Konzerninterne Darlehen sind darin nicht enthalten und belaufen sich auf mehrere Dutzend Millionen Euro.
Die Dokumente zeigen, wie scheinbar gewöhnliche zypriotische Unternehmen zwei miteinander verbundene Netzwerke bilden. Sie sind durch einen gemeinsamen Begünstigten, gemeinsame Nominee-Inhaber, wiederkehrende Finanztransaktionen und ein konkretes Datum im Februar 2022 miteinander verbunden.

